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Internationale Rekrutierung im deutschen Mittelstand: Hürden und Anpassungsstrategien(A)
Die internationale Personalsuche gewinnt im deutschen Mittelstand an strategischer Bedeutung, ohne dass die organisatorischen Voraussetzungen mit den gesetzlichen Erleichterungen der vergangenen Jahre Schritt gehalten hätten. Die strukturellen Hürden des internationalen Recruitings, die unterschiedlichen Anpassungsstrategien der Unternehmen und die Wirkung der eingespielten Kooperationsketten zwischen Mittelständlern, Vermittlungsagenturen und Bildungsträgern bestimmen die tatsächliche Aufnahmefähigkeit des Mittelstands.
28. März 2025
Die internationale Anwerbung qualifizierter Fachkräfte ist im deutschen Mittelstand in den vergangenen Jahren von einer Ausnahmeerscheinung zu einer ernsthaft erwogenen personalpolitischen Option geworden. Die Verschiebung der demografischen Verhältnisse, die wachsende Konkurrenz um inländische Bewerber, die rechtlichen Erleichterungen durch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz und die zunehmende Sichtbarkeit erfolgreicher Anwerbungsbeispiele haben die Bereitschaft mittelständischer Unternehmen verändert, sich mit dem Thema strukturell auseinanderzusetzen. Die praktische Umsetzung folgt jedoch einer Geschwindigkeit, die hinter der politischen Erwartung zurückbleibt. Die Gründe liegen in einer Reihe struktureller Hürden, die für mittelständische Unternehmen mit anderer organisatorischer Konfiguration wirken als für große Konzerne mit eigenen internationalen Personalstrukturen.
Eine erste Hürde besteht in der Identifizierung geeigneter Bewerber in den Herkunftsländern. Großkonzerne unterhalten in vielen Fällen eigene Niederlassungen, Standorte oder Beteiligungen in den primären Herkunftsregionen und können dort direkt rekrutieren. Mittelständler verfügen über solche internationalen Strukturen selten. Sie arbeiten entweder mit spezialisierten Vermittlungsagenturen, mit den Programmen der Bundesagentur für Arbeit und ihrer Internationalen Personalvermittlung, mit den über die Außenhandelskammern organisierten Vermittlungsangeboten oder mit eigenen aufgebauten Netzwerken in einzelnen Herkunftsländern. Die Qualität dieser Vermittlungswege schwankt erheblich. Vertrauenswürdige Vermittlungsagenturen mit nachgewiesener Qualität in der Bewerberauswahl, in der vorbereitenden Sprachschulung und in der administrativen Begleitung der Einreise sind in den meisten Herkunftsländern verfügbar, ihre Kapazitäten bleiben jedoch hinter der wachsenden Nachfrage zurück. Die Auswahl einer geeigneten Agentur erfordert für Mittelständler eine eigene Due-Diligence-Kapazität, deren Aufbau Zeit und Erfahrung verlangt.
Eine zweite Hürde besteht in der vorbereitenden sprachlichen und kulturellen Qualifizierung der angeworbenen Fachkräfte. Die deutsche Berufspraxis verlangt in den meisten Tätigkeitsfeldern Deutschkenntnisse auf dem Niveau B1 oder B2, in einigen reglementierten Bereichen auf höherem Niveau. Die Vorbereitung im Herkunftsland erfordert mehrere Monate intensiven Sprachunterrichts, deren Organisation und Finanzierung zwischen Bewerber, Arbeitgeber und gegebenenfalls Vermittlungsagentur aufgeteilt wird. Mittelständler haben hier zwei Modelle entwickelt: Die Vorfinanzierung der Sprachausbildung durch den Arbeitgeber gegen eine vertragliche Bindung an das Unternehmen für eine festgelegte Mindestdauer, oder die Übernahme erst nach Erreichen des Sprachniveaus im Heimatland. Beide Modelle haben charakteristische Vor- und Nachteile in Bezug auf Risikoverteilung, Bindungswirkung und Bewerberattraktivität.
Eine dritte Hürde betrifft die Anerkennung der mitgebrachten Berufsqualifikationen. In den reglementierten Berufen ist die formale Anerkennung Voraussetzung der Beschäftigung, in den nicht reglementierten Berufen erleichtert die Anerkennung die tarifliche Einstufung und die innerbetriebliche Akzeptanz. Mittelständler ohne eigene Erfahrung in Anerkennungsverfahren sind auf die Begleitung durch Vermittlungsagenturen, Beratungsstellen oder spezialisierte Dienstleister angewiesen. Die zeitliche Dauer der Anerkennungsverfahren erzeugt eine Lücke zwischen Einreise und qualifikationsadäquater Beschäftigung, in der die Fachkraft entweder unterqualifiziert eingesetzt wird oder eine kostspielige Übergangsphase ohne produktiven Beitrag durchläuft. Die mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz eingeführte Anerkennungspartnerschaft adressiert diese Lücke teilweise, ihre Anwendung im Mittelstand bleibt jedoch quantitativ überschaubar.
Eine vierte Hürde betrifft die wohnliche und soziale Integration der angeworbenen Fachkräfte. In Ballungsräumen mit angespanntem Wohnungsmarkt erschwert die Wohnungssuche den unmittelbaren Einreisebeginn. In kleineren Städten und ländlichen Regionen ist die Wohnungslage entspannter, die soziale Infrastruktur für internationale Zuzügler aber häufig dünn ausgebaut. Mittelständler mit erfahrenem internationalen Personalmanagement haben Wohnungsbestände aufgebaut, mit lokalen Wohnungsgesellschaften Rahmenvereinbarungen abgeschlossen oder Anlaufstellen für die soziale Begleitung der Neuzugezogenen organisiert. Mittelständler ohne solche Strukturen erleben die wohnliche Anschlussversorgung als wiederkehrendes operatives Problem, dessen Bewältigung erhebliche personelle Ressourcen bindet.
Die mittelständischen Anpassungsstrategien im Umgang mit diesen Hürden gruppieren sich in mehrere Muster. Eine erste Gruppe von Mittelständlern verfolgt eine schrittweise Strategie. Erste Einstellungen aus dem europäischen Ausland in Zusammenarbeit mit der EURES-Plattform der Bundesagentur für Arbeit bilden den Einstieg. Aufbauend auf den dort gewonnenen Erfahrungen erweitern die Unternehmen ihre Aktivitäten auf Drittstaaten, zunächst in Zusammenarbeit mit etablierten Vermittlungsagenturen, später mit eigenen Strukturen. Diese schrittweise Strategie erlaubt eine kontinuierliche Lernkurve, verlangt aber eine Zeitdimension von mehreren Jahren bis zum Erreichen einer regelmäßigen internationalen Personalbeschaffungskapazität.
Eine zweite Gruppe von Mittelständlern verfolgt eine Kooperationsstrategie. Mehrere Unternehmen einer Region oder einer Branche bündeln ihre internationalen Recruiting-Aktivitäten in gemeinsamen Initiativen. Die Industrie- und Handelskammern, regionale Wirtschaftsförderungsgesellschaften oder branchenspezifische Verbände organisieren Vermittlungsangebote, deren Kosten und Risiken zwischen den beteiligten Unternehmen geteilt werden. Diese Strategie senkt die individuellen Vorlaufkosten und schafft eine größere Verhandlungsmacht gegenüber Vermittlungsagenturen in den Herkunftsländern, erfordert jedoch eine Koordinationsbereitschaft und eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit, die in wettbewerblich angespannten regionalen Märkten nicht immer vorhanden ist.
Eine dritte Gruppe verfolgt eine Outsourcing-Strategie. Spezialisierte Dienstleister übernehmen die Identifizierung, sprachliche Vorbereitung, administrative Begleitung und kulturelle Eingewöhnung der angeworbenen Fachkräfte gegen vertraglich vereinbarte Honorare. Die Unternehmen erhalten einen einsatzbereiten Mitarbeiter, dessen vorbereitende Phasen extern organisiert wurden. Die Kosten dieses Modells sind höher als die anderer Strategien, die operative Belastung der eigenen Personalabteilung ist hingegen niedriger. Mittelständler mit dünner Personalkapazität und hohem akutem Personalbedarf wählen diese Variante häufiger als planungsstarke Unternehmen mit eigenem Aufbauwillen.
Eine vierte Gruppe verfolgt eine Direktanwerbungsstrategie. Mittelständler mit bestehenden internationalen Geschäftsbeziehungen, mit Kunden, Lieferanten oder Forschungspartnern in einzelnen Herkunftsländern nutzen diese Beziehungen für die direkte Rekrutierung. Die Vertrauensbasis der bestehenden Geschäftsbeziehung erleichtert die Bewerberidentifizierung, die Qualitätsbewertung der Qualifikationen und die rechtliche Absicherung der Anwerbung. Diese Strategie ist auf Mittelständler mit etablierter Internationalisierung der eigenen Geschäftstätigkeit beschränkt und nicht universell verfügbar.
Eine fünfte Strategie kombiniert die internationale Anwerbung mit der akademischen Ausbildung. Mittelständler kooperieren mit Fachhochschulen, die internationale Studierende in industrierelevanten Studiengängen ausbilden, und bieten diesen Studierenden während des Studiums Praktika und nach dem Abschluss reguläre Anstellungen an. Der Vorteil dieser Strategie besteht in der bereits erfolgten sprachlichen und akademischen Integration der Bewerber. Der Nachteil liegt in der zeitlichen Verzögerung zwischen der ersten Kontaktaufnahme und der eigentlichen Beschäftigungsaufnahme, die mehrere Jahre umfasst und für akute Personalbedarfe nicht geeignet ist.
Die institutionelle Begleitung der internationalen Rekrutierung im Mittelstand hat sich in den vergangenen Jahren entwickelt, bleibt jedoch hinter den Anforderungen zurück. Die Bundesagentur für Arbeit bietet mit ihrer Zentralen Auslands- und Fachvermittlung Dienste für die internationale Personalsuche an. Die Industrie- und Handelskammern beraten ihre Mitglieder zu rechtlichen Fragen und vermitteln Kontakte zu spezialisierten Dienstleistern. Die Bundesregierung hat über die "Make-it-in-Germany"-Plattform ein Informationsangebot etabliert, das sowohl Bewerber als auch Arbeitgeber adressiert. Die regionale Verteilung dieser Angebote weist erhebliche Unterschiede auf, was die Zugänglichkeit für Mittelständler abseits der großen Ballungsräume einschränkt.
Eine bedeutsame Beobachtung betrifft die Rolle der Familienzusammenführung in den Bindungsentscheidungen internationaler Fachkräfte. Bewerber, die ohne Familienangehörige nach Deutschland einreisen, treffen ihre Verbleibensentscheidung in der Regel innerhalb der ersten zwei bis drei Jahre nach Beschäftigungsbeginn. Bewerber, die ihre Familienangehörigen erfolgreich nachholen, weisen eine deutlich höhere langfristige Bindungsquote auf, weil die familiäre Verankerung die Standortwahl stabilisiert. Mittelständler mit Aufnahmestrategien für die gesamte Familie, einschließlich der Unterstützung beim Kindergartenplatz, beim Schulübergang und bei der Beschäftigung der Ehepartner, erreichen Bindungsquoten, die mit denen inländischer Beschäftigter konvergieren. Mittelständler ohne familienbezogene Begleitstrukturen verzeichnen häufiger Rückwanderungen oder Weiterwanderungen in andere Standorte. Die familienpolitische Dimension der internationalen Personalstrategie ist damit ein strategisch unterschätzter Hebel der Bindungsqualität.
Eine branchenbezogene Differenzierung verdeutlicht die Heterogenität der mittelständischen Rekrutierungspraxis. In der Pflege haben sich Anwerbungswege aus den Philippinen, aus Vietnam, aus mehreren südosteuropäischen Staaten und aus Mexiko etabliert, die in den vergangenen Jahren strukturelle Tiefe gewonnen haben. In der industriellen Mechatronik und Elektrotechnik konzentriert sich die Anwerbung auf Indien, Nordafrika und Teile Lateinamerikas. In den Handwerksberufen mit Wärmepumpentechnik, Photovoltaikinstallation und Sanitärtechnik beginnen erste Anwerbungswege aus Vietnam und aus den Westbalkanstaaten zu greifen, deren strukturelle Verfestigung noch in den kommenden Jahren erfolgt. Die branchenspezifischen Wege folgen historischen Migrationsverflechtungen, der Verfügbarkeit qualifizierter Bewerberprofile und den jeweiligen Anerkennungsanforderungen.
Aus industriestrategischer Perspektive ergibt sich aus den beobachteten Mustern eine doppelte Schlussfolgerung. Die internationale Rekrutierung im Mittelstand ist ein strukturell anspruchsvolles Vorhaben, dessen Bewältigung in vielen Unternehmen mit erheblichen organisatorischen Lernprozessen verbunden ist. Die institutionelle Unterstützung durch öffentliche Stellen, Wirtschaftsverbände und private Dienstleister hat sich erweitert, ohne die Anforderungen einer breiten mittelständischen Aufnahmebewegung vollständig zu erfüllen. Die Wirkung der gesetzlichen Erleichterungen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes auf die mittelständische Personalstruktur entfaltet sich daher in einer Geschwindigkeit, die hinter der politischen Erwartung zurückbleibt.
Eine ergänzende Beobachtung verdient die Frage der Bindungsqualität. Internationale Fachkräfte, die in den deutschen Mittelstand integriert wurden, weisen in den ersten Beschäftigungsjahren häufig eine überdurchschnittliche Bindungsquote auf, weil die persönliche Investition in die Migration und die organisatorische Verflechtung mit dem Arbeitgeber einen Wechselanreiz reduzieren. In den späteren Beschäftigungsjahren konvergieren die Bindungsmuster mit denen der inländischen Belegschaft, was die strategische Bedeutung einer kontinuierlichen Mitarbeiterbindung über die anfängliche Integration hinaus unterstreicht. Mittelständler, die ihre internationale Personalstrategie mit einer langfristig orientierten Personalentwicklungsplanung verbinden, erreichen eine Bindungstiefe, die kurzfristig orientierte Anwerbungsstrategien nicht erzielen können.
Die wissenschaftliche Begleitung der internationalen Rekrutierung im Mittelstand verlangt eine differenzierte Erfassung der eingesetzten Strategien, der Bewerberverläufe, der Anerkennungsdauern, der Integrationserfolge und der langfristigen Bindungsquoten. Die vorhandenen Datenquellen, insbesondere die Wanderungsstatistik, das Ausländerzentralregister, die Erhebungen der Bundesagentur für Arbeit und die branchenspezifischen Befragungen der Verbände, liefern Teilbilder dieser Dimensionen. Die Zusammenführung dieser Quellen in eine konsolidierte Beobachtungsstruktur wäre die methodische Voraussetzung dafür, die Wirksamkeit der internationalen Anwerbung im Mittelstand mit der empirischen Schärfe zu beurteilen, die die industriepolitische Bedeutung des Themas rechtfertigt. Eine kontinuierliche, mehrjährige Längsschnittbeobachtung der Rekrutierungspraktiken über Branchen und Regionen hinweg bleibt eine Daueraufgabe der wissenschaftlichen Arbeitsmarktforschung in der kommenden Dekade.
