Bildung & Studium

Internationalisierung der Fachhochschulen: Strukturelle Spannungen und Anpassungsdruck(A)

Die deutschen Fachhochschulen, mittlerweile als Hochschulen für Angewandte Wissenschaften firmierend, befinden sich in einer Phase struktureller Anpassung. Wachsende internationale Studierendenanteile, demografisch begründete Veränderungen der Bewerberstruktur und ein verstärkter politischer Erwartungshorizont stoßen auf eine Hochschullandschaft, deren Lehr-, Beratungs- und Verwaltungsressourcen mit dieser Geschwindigkeit der Veränderung nur teilweise Schritt halten.

6. Februar 2024

Die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, deren historische Bezeichnung als Fachhochschulen im akademischen Sprachgebrauch weiterhin verbreitet ist, bilden in Deutschland einen Hochschultyp mit eigenständigem Profil. Ihre Studienangebote orientieren sich an angewandten Berufsbildern, ihre Praxisphasen sind verpflichtend integriert, und ihre Lehrenden bringen in der Regel mehrjährige Berufserfahrung außerhalb des Wissenschaftssystems mit. Die Mehrzahl der industriellen Ingenieurabsolventen, ein erheblicher Teil der Wirtschaftsinformatikerinnen und ein wachsender Anteil der Pflegewissenschaftler erhalten ihre Hochschulqualifikation an einer Fachhochschule. Die strukturelle Bedeutung dieses Hochschultyps für die deutsche Fachkräftelandschaft übersteigt seine Sichtbarkeit in der öffentlichen Bildungsdiskussion.

In den vergangenen Jahren hat sich die Bewerberstruktur an deutschen Fachhochschulen verändert. Der Rückgang der inländischen Studienanfängerinnen und Studienanfänger in mehreren MINT-Studiengängen trifft auf eine wachsende Zahl internationaler Bewerber, deren Anteil an den Erstsemesterkohorten in manchen Studiengängen bereits die Hälfte überschreitet. Die Internationalisierung der Studierendenschaft ist damit weniger eine politisch gesteuerte Programmlinie als eine demografisch und bewerberseitig getragene Realität. Sie betrifft besonders Ingenieurstudiengänge in den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sowie in Teilen Nordrhein-Westfalens und im Saarland. Die Verteilung folgt dabei einem Muster, das die regionale Bewerberstruktur, die Sprachpolitik der jeweiligen Hochschule und das vorhandene Wohnungsangebot in der Studienstadt zusammenführt.

Die didaktische Anpassung der Lehre an internationale Studierendenschaften vollzieht sich in mehreren Geschwindigkeiten. Einige Fachhochschulen haben englischsprachige Studiengänge eingerichtet, deren Curriculum durchgängig in englischer Sprache angeboten wird und deren Akkreditierung explizit auf internationale Studierende ausgerichtet ist. Andere Hochschulen verfolgen einen hybriden Ansatz, in dem die ersten Semester in deutscher Sprache stattfinden und einzelne Module in englischer Sprache verfügbar sind. Eine dritte Gruppe verbleibt bei vollständig deutschsprachigen Curricula und erwartet von internationalen Studierenden ein Sprachniveau, das die Teilhabe am Studium ohne sprachliche Anpassung der Lehre erlaubt. Welcher Weg gewählt wird, hängt von der Personalstruktur des Lehrkörpers, von der Sprachpolitik der Landesministerien für Wissenschaft und vom Profil der jeweiligen Hochschule ab.

Die Begleitung internationaler Studierender während des Studiums beansprucht erhebliche personelle Ressourcen. International Offices, Studierendenberatung, Sprachenzentren und studienbegleitende Mentoringprogramme bilden die institutionelle Antwort auf den gewachsenen Beratungsbedarf. Die Ausstattung dieser Strukturen wuchs in den vergangenen Jahren langsamer als der Anteil internationaler Studierender. In der Folge entsteht eine strukturelle Diskrepanz zwischen Aufnahmevolumen und Begleitungskapazität, die besonders in den ersten beiden Semestern wirkt, in denen die akademische Integration über den späteren Studienverlauf entscheidet. Die Abbruchquoten internationaler Studierender liegen in vielen Studiengängen über jenen der inländischen Kohorten, ohne dass diese Differenz systematisch nach Studieneingangsphase, Sprachniveau und Vorbildung aufgeschlüsselt vorläge.

Auf der Ebene der Lehre treffen Anforderungen aufeinander, deren Vereinbarkeit eine eigene Herausforderung bildet. Die Fachhochschulen sind grundsätzlich auf Praxisorientierung verpflichtet, was eine Verzahnung mit dem regionalen Arbeitsmarkt und mit kooperierenden Unternehmen erfordert. Diese Verzahnung verläuft historisch über deutschsprachige Praxisphasen, deutschsprachige Bachelorarbeiten in Industrieunternehmen und deutschsprachige Praktika in mittelständischen Betrieben. Internationale Studierende ohne ausreichendes Deutschniveau finden in dieses Praxissystem schwerer Eingang. Die Folge ist eine implizite Spaltung zwischen einem akademisch internationalisierten Studienverlauf und einer national geprägten Praxisphase, deren Brücke nur durch eine kontinuierliche sprachliche Qualifizierung während des Studiums geschlagen werden kann. Die hierfür erforderlichen Sprachkapazitäten überschreiten in vielen Hochschulen die vorhandene Ausstattung der Sprachenzentren.

Eine besondere Konstellation entsteht in den Ingenieurstudiengängen ostdeutscher Fachhochschulen. Die regionale Bewerberstruktur ist demografisch dünn besetzt, die Hochschulen tragen den überwiegenden Teil ihrer Auslastung über internationale Studierende, und die regionale Industrie ist überwiegend mittelständisch geprägt. Die Verbindung zwischen internationaler Studierendenschaft und regionaler Mittelstandsbeschäftigung wird zur strategischen Frage der Hochschulpolitik, weil ein Scheitern der Übergänge die Auslastung der Hochschule, die Personalplanung der Unternehmen und die regionale Fachkräftestabilität gleichzeitig betrifft. Die Sächsische Landesregierung, das Land Sachsen-Anhalt und das Land Thüringen haben in den vergangenen Jahren entsprechende Programme initiiert, deren Wirkungstiefe in der wissenschaftlichen Begleitung erst über mehrere Absolventenkohorten beurteilt werden kann.

Die Personalstruktur der Fachhochschulen selbst gerät unter Druck. Die Professuren der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften erfordern eine doppelte Qualifikation – eine wissenschaftliche Eignung mit Promotion und eine fünfjährige außerhochschulische Berufstätigkeit. Diese Konstruktion sichert die Verzahnung mit der industriellen Praxis, schränkt aber den Bewerberkreis ein. In mehreren Berufsfeldern – insbesondere in der Informatik, der Elektrotechnik und der Wirtschaftsinformatik – konkurrieren die Hochschulen mit der Industrie um dieselben Profile, ohne im Gehaltsgefüge mithalten zu können. Die Folge ist ein chronisch unbesetzter Anteil der Professurstellen in einzelnen Disziplinen und eine wachsende Abhängigkeit von Lehrbeauftragten, deren Vergütung und Lehrkapazität die strukturelle Stabilität der Studiengänge begrenzt.

Aus industriestrategischer Perspektive sind die Fachhochschulen ein zentrales Element der deutschen Fachkräfteversorgung in den ingenieurnahen Berufsfeldern, in der angewandten Informatik, in der Wirtschaftsinformatik und in den Gesundheitsstudiengängen. Ihre Funktion in der nationalen Bildungslandschaft hängt von drei strukturellen Bedingungen ab. Die Personalausstattung der Hochschulen muss in einem Tempo wachsen, das den wachsenden Aufgabenkanon aufnimmt. Die Sprach- und Beratungsinfrastruktur für internationale Studierende braucht eine Kapazitätsausweitung, die hinter dem Wachstum der internationalen Kohorten nicht zurückbleibt. Die Brücke zwischen internationalisierter Studierendenschaft und regionaler Praxisphase verlangt eine Verzahnung von Hochschulen, regionalen Unternehmen, Kammern und kommunalen Beratungsstellen, deren institutionelle Trägerschaft bislang nur in Ansätzen organisiert ist.

Eine vergleichende Betrachtung internationaler Hochschulsysteme ordnet diese Situation ein. Die niederländischen Hogescholen, die schweizerischen Fachhochschulen und die österreichischen Fachhochschulen folgen ähnlichen institutionellen Logiken, befinden sich allerdings in jeweils eigenen demografischen und sprachpolitischen Konstellationen. Die niederländischen Hogescholen haben den Wechsel zu überwiegend englischsprachigen Bachelorstudiengängen weitgehend vollzogen und kämpfen heute mit den politischen Folgen einer kontroversen Debatte über Internationalisierung im Hochschulbereich. Die schweizerischen Fachhochschulen verbinden eine mehrsprachige Lehre mit einer überdurchschnittlich engen Verzahnung mit regionalen Industriestrukturen. Die österreichischen Fachhochschulen arbeiten unter einer ausgeprägten Akkreditierungspflicht für jeden Studiengang, die eine standardisierte Qualitätssicherung erzwingt. Die deutsche Fachhochschullandschaft folgt einer eigenen Mischung aus diesen Elementen und entwickelt sich in einer Konstellation, in der die föderale Verantwortungsteilung zwischen Bund und Ländern die strukturelle Anpassung verlangsamt.

Ein bislang wenig beleuchteter Aspekt betrifft die Verzahnung der Fachhochschulen mit den dualen Bildungswegen. Das Duale Studium, in dem ein Hochschulstudium mit einer Berufsausbildung verbunden ist, wird in erheblichem Umfang an Fachhochschulen angeboten. Die Verzahnung mit den Industrie- und Handelskammern und mit den Handwerkskammern erzeugt ein institutionelles Geflecht, dessen Funktionsweise die Schnittstelle zwischen Hochschulbildung und beruflicher Bildung neu definiert. Eine Internationalisierung des Dualen Studiums hätte erhebliche Folgen für die Personalplanung der Praxisunternehmen, ist aber gegenwärtig durch sprachliche und administrative Hürden weitgehend auf inländische Bewerber begrenzt. Die Öffnung dieses Pfades für internationale Studierende wäre ein strukturell relevantes industriepolitisches Vorhaben, dessen Voraussetzungen in den kommenden Jahren in Hochschulen, Kammern und Unternehmen vorbereitet werden müssten.

Die hochschulpolitische Diskussion über Studiengebühren für Studierende aus Drittstaaten verdient eine eigene Einordnung. Mehrere Bundesländer haben die Möglichkeit der Einführung solcher Gebühren in den vergangenen Jahren erwogen, einzelne Bundesländer haben sie eingeführt und in der Umsetzung wieder eingeschränkt. Die Frage der Gebührenpflicht steht in einer Spannung zur Standortlogik der Hochschulen, die internationale Studierende zur Auslastung der Studiengänge benötigen, und zur fiskalischen Logik der Landeshaushalte, die in der internationalen Bildung einen Beitrag zur Refinanzierung der Hochschulstrukturen erwarten. Eine kohärente bundesweite Linie existiert nicht. Die föderale Heterogenität in dieser Frage erschwert die Vergleichbarkeit der Hochschulangebote aus Sicht ausländischer Bewerber und beeinflusst die geografische Verteilung der Bewerbungen auf Bundesländer in einer Weise, die strategisch von wenigen Hochschulen aktiv genutzt wird.

Die Übergangsphase vom Studienabschluss in eine qualifikationsadäquate Beschäftigung in Deutschland ist für internationale Absolventen mit erheblichen administrativen Anforderungen verbunden. Die rechtliche Konstruktion der Aufenthaltserlaubnis zur Arbeitsuche nach dem Studienabschluss gewährt einen begrenzten Zeitraum, in dem eine adäquate Beschäftigung gefunden werden muss. Die Erfolgsquote in diesem Übergang variiert deutlich nach Studienfach, Bundesland, Studienort und Sprachniveau der Absolventen. Ingenieurabsolventen treffen in der Regel auf eine vergleichsweise aufnahmebereite Arbeitgeberlandschaft, soweit ihre Deutschkenntnisse die Anforderungen der jeweiligen Branche erfüllen. Wirtschaftsinformatiker und Informatiker erleben einen Übergang, der durch die starke internationale Sprachpraxis vieler Unternehmen erleichtert wird. In Studiengängen mit überwiegend regionalem Arbeitsmarkt – insbesondere im Sozial- und Gesundheitsbereich – stoßen internationale Absolventen häufiger auf sprachliche und qualifikatorische Anschlusshürden, deren Überwindung längere Übergangsphasen mit kombinierter Sprachqualifizierung und Berufserfahrung erfordert.

Die Internationalisierung der Fachhochschulen ist ein Prozess, dessen Wirkung auf die deutsche Fachkräftelandschaft erst über mehrere Studienkohorten und über die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre vollständig erkennbar wird. Die ersten Strukturbeobachtungen legen nahe, dass die Wirkungstiefe weniger durch die Zahl der internationalen Studienanfänger als durch die Anschlussfähigkeit der Hochschulen an die Personalstrukturen der regionalen Industrie bestimmt wird. Eine politische Steuerung dieser Anschlussfähigkeit verlangt ein institutionelles Zusammenspiel zwischen Hochschulen, Kammern, kommunalen Stellen und Unternehmen, dessen Trägerstruktur in den Bundesländern unterschiedlich entwickelt ist. Die wissenschaftliche Beobachtung dieses Zusammenspiels über die kommenden Jahre liefert die empirische Grundlage für eine spätere Bewertung der Internationalisierung als industriepolitisches Instrument.

Eine institutionelle Schlussfolgerung verdient die Hochschulplanung der Länder. Die in den vergangenen Jahren beobachtete Zurückhaltung in der Personalausstattung der Fachhochschulen erzeugt einen kumulativen Anpassungsstau, dessen Folgen mit zeitlicher Verzögerung in den Studiengängen, in der Lehrlast der vorhandenen Professuren und in der Begleitkapazität der International Offices sichtbar werden. Eine substanzielle Erweiterung der Personalkapazitäten verlangt mehrjährige Vorlaufzeiten, weil die akademische Berufungspraxis und die haushaltsrechtliche Verankerung neuer Stellen zeitliche Bindungen erzeugen, die mit der Dynamik der Studierendenentwicklung nur schwer Schritt halten. Die strukturelle Anpassung der Fachhochschullandschaft an die internationale Studierendenrealität bleibt damit eine hochschulpolitische Daueraufgabe der kommenden Legislaturperioden.

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