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Personalstrategie im deutschen Mittelstand: Strukturelle Veränderungen in der Fachkräftesicherung(A)
Die personalpolitischen Strategien des deutschen Mittelstands haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Wachsende demografische Lücken, eine veränderte Bewerberstruktur und die Notwendigkeit der industriellen Transformation überlagern sich mit den begrenzten personellen Kapazitäten mittelständischer Unternehmen für strategische Personalplanung. Die strukturellen Anpassungen erfolgen in heterogener Geschwindigkeit und mit unterschiedlicher institutioneller Unterstützung.
9. Oktober 2024
Der deutsche Mittelstand bildet das strukturelle Rückgrat der nationalen Industrie- und Dienstleistungslandschaft. Die Familienunternehmen mit Belegschaften zwischen fünfzig und fünfhundert Beschäftigten, die regional verankerten Industriebetriebe der zweiten und dritten Generation, die spezialisierten Maschinenbauer in den industriellen Verdichtungsräumen Süddeutschlands und die handwerklich geprägten Mittelständler der westdeutschen und ostdeutschen Industrieregionen tragen einen erheblichen Anteil der industriellen Wertschöpfung und beschäftigen die Mehrheit der inländischen Arbeitskräfte. Ihre personalpolitischen Strategien folgen einer eigenen Logik, die sich von der strukturierten Personalplanung der Großkonzerne und von der opportunistischen Personalpolitik kleinster Betriebe gleichermaßen unterscheidet.
In den vergangenen Jahren hat sich die Ausgangslage für die mittelständische Personalpolitik strukturell verändert. Die demografische Verschiebung verringert die jährliche Zahl der Berufseinsteiger in den meisten Regionen Deutschlands, was die Verfügbarkeit von Auszubildenden, Hochschulabsolventen und Berufseinsteigern reduziert. Die regional unterschiedliche Bewerberverteilung verschärft das Bild für Mittelständler abseits der großen Ballungsräume. Die akademische Bildungsexpansion verändert die Zusammensetzung der Bewerberpools in den klassischen industriellen Berufen, weil ein wachsender Anteil der Schulabsolventen den Hochschulweg wählt. Die internationale Bewerberzugänglichkeit erweitert das Reservoir grundsätzlich, erfordert aber organisatorische Kapazitäten, die in vielen Mittelständlern erst aufgebaut werden müssen.
Die strategische Personalplanung im Mittelstand erfolgt in einer charakteristischen organisatorischen Konstellation. Die Personalabteilungen umfassen häufig wenige Vollzeitstellen, die operativen Personalaufgaben wie Lohnabrechnung, Arbeitsvertragsverwaltung und betriebliches Eingliederungsmanagement absorbieren einen erheblichen Anteil der verfügbaren Kapazität, und strategische Personalplanung verbleibt häufig auf der Ebene der Geschäftsführung. Diese Konstellation erzeugt einen strukturellen Nachteil gegenüber Konzernen mit eigenen Talentmanagement-Abteilungen, Bewerberanalysesystemen und mehrstufigen Auswahlverfahren. Die Reaktionsgeschwindigkeit auf veränderte Marktbedingungen ist im Mittelstand hoch, die strategische Tiefe der Personalplanung jedoch begrenzt.
In den Anpassungsstrategien der vergangenen Jahre zeichnen sich mehrere Schwerpunkte ab. Die Verstärkung der Arbeitgeberkommunikation durch professionelles Employer Branding hat sich auch in mittelständischen Strukturen verbreitet. Die Nutzung digitaler Rekrutierungskanäle, von beruflichen Online-Plattformen, von zielgruppenspezifischen Karriereportalen und von Social-Media-Aktivitäten gehört in vielen Mittelständlern zur Standardausstattung der Personalsuche. Die Zusammenarbeit mit Personaldienstleistern, Headhuntern und spezialisierten Beratungen ergänzt die internen Kapazitäten in einzelnen Suchprozessen. Die Vernetzung mit Hochschulen, Berufsschulen und Bildungsträgern bildet eine weitere Säule, deren strukturelle Tiefe von der jeweiligen regionalen Einbettung des Unternehmens abhängt.
Die innerbetriebliche Personalentwicklung gewinnt im Mittelstand an strategischer Bedeutung. Die Aufstiegsfortbildung über die Aufstiegs-BAföG-geförderten Bildungswege, die berufsbegleitenden Studiengänge an Fachhochschulen, die Industriemeister- und Fachwirtequalifikationen sowie die akademischen Weiterbildungsangebote der Kammern bilden ein Geflecht, durch das mittelständische Mitarbeiter in höherwertige Positionen aufsteigen können. Die Nutzungsdichte dieses Geflechts variiert erheblich zwischen Unternehmen, weil die innerbetriebliche Förderkultur, die zeitliche Belastung der Beschäftigten und die finanzielle Beteiligung des Arbeitgebers an den Bildungskosten heterogene Voraussetzungen schaffen. Mittelständler mit strategisch ausgerichteter Personalentwicklungsplanung erreichen Bindungsquoten, die im Vergleich zur Branchendurchschnitt überdurchschnittlich liegen.
Ein zunehmend an Bedeutung gewinnender Aspekt betrifft die Mitarbeiterbindung in einer Phase wachsender Wechselbereitschaft. Die jüngeren Beschäftigtengenerationen zeigen in empirischen Befragungen eine kürzere durchschnittliche Verweildauer im einzelnen Unternehmen und eine höhere Aufgeschlossenheit für Arbeitgeberwechsel als die vorangegangenen Kohorten. Mittelständler, die ihre Beschäftigten über mehrere Jahrzehnte hinweg an den Betrieb binden konnten, sehen sich mit einer veränderten Erwartungshaltung konfrontiert. Die Faktoren, die in den Bindungsentscheidungen Gewicht haben – flexible Arbeitszeiten, Möglichkeiten der Arbeit im Homeoffice für Bürotätigkeiten, kontinuierliche Weiterbildungsangebote, transparente Karrierepfade und eine wertschätzende Führungskultur – verlangen organisatorische Antworten, deren Implementierung in vielen mittelständischen Strukturen erst im Aufbau ist. Die Anpassung der internen Unternehmenskultur an die veränderten Bewerber- und Mitarbeitererwartungen bildet einen eigenständigen strategischen Hebel der Personalsicherung.
Die Frage der internationalen Personalsuche stellt sich für den Mittelstand mit besonderer Dringlichkeit. Die mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz geschaffenen rechtlichen Voraussetzungen erleichtern grundsätzlich die Anwerbung internationaler Bewerber. Die praktische Umsetzung trifft jedoch auf strukturelle Hürden, die in den großen Konzernen weniger spürbar sind. Die Identifizierung geeigneter Bewerber in Drittstaaten erfordert entweder die Zusammenarbeit mit spezialisierten Vermittlungsagenturen oder den Aufbau eigener Recruiting-Strukturen in den Herkunftsländern. Die Begleitung der Anerkennungsverfahren, die organisatorische Vorbereitung der Einreise, die sprachliche und kulturelle Eingewöhnung im Betrieb und die wohnliche Anschlussversorgung beanspruchen erhebliche personelle Ressourcen. Mittelständler ohne etablierte internationale Personalstrukturen treten den Weg häufig zögerlich an, weil die Vorlaufkosten und die organisatorischen Anforderungen in keinem klaren Verhältnis zur kalkulierten kurzfristigen Personalentlastung stehen.
Die Tarifbindung des Mittelstands bildet eine eigene strukturelle Dimension. Tarifgebundene Mittelständler folgen den Tarifvereinbarungen ihrer Branche und sind in das Geflecht aus Sozialpartnerschaft, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaftsstrukturen eingebunden. Tariffreie Mittelständler operieren in einem flexibleren Lohngefüge, das in der Personalsuche sowohl Vorteile als auch Nachteile erzeugt. Die Bewerberpräferenzen verschieben sich in den vergangenen Jahren zugunsten tarifgebundener Arbeitgeber, weil Stabilität, Planbarkeit und Sozialleistungen in einer Phase wirtschaftlicher Unsicherheit an Bedeutung gewinnen. Diese Verschiebung erzeugt einen wachsenden Wettbewerbsnachteil für tariffreie Mittelständler, der die ohnehin bestehende Konkurrenz um Bewerber zusätzlich verschärft.
Eine besondere Konstellation entsteht für Mittelständler in den industriellen Transformationsbereichen. Die Umstellung von Verbrennungsmotor zu Elektromobilität in der Zulieferindustrie der Automobilbranche, die Anpassung der Verfahrenstechnik in der chemischen Industrie an wasserstoffbasierte Prozesse, die Transformation der Energietechnik in den Bereichen Wärmepumpen, Photovoltaik und Speichersystemen sowie die Anpassung der Bauwirtschaft an die energetische Sanierungsanforderung verlangen eine Neuausrichtung der Personalqualifikationen. Die Mittelständler in diesen Bereichen stehen vor der doppelten Aufgabe, ihre bestehende Belegschaft umzuqualifizieren und gleichzeitig neue Profile mit transformationsrelevanten Qualifikationen zu rekrutieren. Die Bewältigung dieser doppelten Aufgabe verlangt eine systematische Personalentwicklungsplanung, die in vielen mittelständischen Strukturen erst aufgebaut wird.
Die Verzahnung des Mittelstands mit den Bildungseinrichtungen seines regionalen Umfelds gewinnt an strategischer Bedeutung. Die Kooperation mit den regionalen Berufsschulen, mit den Industrie- und Handelskammern, mit den Handwerkskammern und mit den Hochschulen der Region bildet das institutionelle Geflecht, durch das Mittelständler ihre Nachwuchskräfte rekrutieren. In Regionen mit dichter Hochschul- und Berufsschullandschaft funktioniert dieses Geflecht in vergleichbar etablierten Strukturen. In Regionen mit dünner Bildungsinfrastruktur stehen Mittelständler vor der Aufgabe, alternative Rekrutierungskanäle zu erschließen oder die regionale Bildungsinfrastruktur durch eigene Initiativen zu unterstützen. Die zunehmende Bedeutung dualer Studiengänge im Mittelstand verändert die Kooperationsbeziehung mit den Fachhochschulen und verlagert einen Teil der akademischen Nachwuchssicherung in die Verantwortung der Unternehmen. Die institutionelle Pflege dieser Kooperationsbeziehungen bindet Personalressourcen, deren Bereitstellung in mittelständischen Strukturen häufig auf wenige Personen konzentriert ist und damit eine eigene strukturelle Anfälligkeit erzeugt.
Eine vergleichende Betrachtung internationaler Mittelstandslandschaften ordnet die deutsche Situation ein. Die schweizerische Mittelstandslandschaft verfügt über eine ausgeprägte Verzahnung mit dem dualen Bildungssystem und einer hohen Tarifbindung. Die österreichische Wirtschaft folgt strukturell ähnlichen Mustern wie die deutsche. Die nordeuropäischen Volkswirtschaften zeigen tariflich gut organisierte Mittelstandsstrukturen mit hoher Personalentwicklungstiefe. Die südeuropäischen Volkswirtschaften weisen eine stärkere Polarisierung zwischen einigen großen Konzernen und einem ungleich strukturierten Mittelstand auf. Die deutsche Mittelstandslandschaft nimmt im internationalen Vergleich eine Position mit hoher industrieller Tiefe, ausgeprägter Tarifbindung und langfristig orientierten Personalstrategien ein. Diese strukturellen Eigenschaften bilden eine Stärke, deren Erhalt von der Anpassungsfähigkeit an die demografischen und technologischen Veränderungen der kommenden Jahre abhängt. In welchem Tempo die deutsche Mittelstandslandschaft die internationale Erfahrungstiefe in eigene Personalstrategien überführt, hängt von der Lernoffenheit der Geschäftsleitungen, von der Vermittlungskapazität der Wirtschaftsverbände und von der politischen Rahmensetzung ab.
Aus industriestrategischer Perspektive ergibt sich aus der bisherigen Beobachtung eine differenzierte Schlussfolgerung. Die Fachkräftesicherung im Mittelstand ist strukturell anspruchsvoller als in den Großkonzernen, weil die organisatorischen Kapazitäten für strategische Personalplanung begrenzt sind und die institutionelle Unterstützung durch externe Akteure heterogen verteilt ist. Die Bewältigung der demografischen und transformationsbedingten Herausforderungen verlangt eine kombinierte Anstrengung aus Personalentwicklung in den Betrieben, institutioneller Unterstützung durch Kammern und Wirtschaftsverbände, regionaler Bildungsinfrastruktur und politischer Rahmensetzung auf Bundes- und Länderebene. Die heterogene Geschwindigkeit, in der diese Anpassungen erfolgen, erzeugt eine Differenzierung zwischen Mittelständlern, die ihre Personalstrategien systematisch anpassen, und solchen, die der Entwicklung mit zeitlicher Verzögerung folgen.
Eine wichtige Beobachtung betrifft die Rolle der Geschäftsführung in der mittelständischen Personalpolitik. In familiengeführten Mittelständlern entscheidet die persönliche Haltung der Geschäftsleitung über die Tiefe und Ausrichtung der Personalstrategie wesentlich mit. Geschäftsführer mit eigenem Erfahrungshintergrund in Personalentwicklung, mit internationaler Berufserfahrung oder mit einer ausgeprägten strategischen Orientierung treiben die Anpassung der Personalpolitik in einer Weise voran, die in vergleichbar großen Unternehmen mit operativ orientierter Geschäftsleitung deutlich langsamer erfolgt. Diese Abhängigkeit der mittelständischen Personalstrategie von individuellen Entscheidungspersonen erzeugt eine strukturelle Heterogenität, die sich in den verfügbaren Branchen- und Regionalstatistiken nur indirekt abbildet. Der Generationenwechsel in der Geschäftsführung familiengeführter Mittelständler wird in den kommenden Jahren in vielen Branchen eine erhebliche Anzahl von Übergaben mit sich bringen, deren Folgen für die Personalstrategien der betroffenen Unternehmen eine zusätzliche Beobachtungsdimension bilden.
Die wissenschaftliche Begleitung der mittelständischen Fachkräftesicherung verlangt eine differenzierte Datenarchitektur, die Betriebsgrößen, Branchen, Regionen und Personalstrategien systematisch erfasst. Die vorhandenen statistischen Quellen, insbesondere die Erhebungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn, der Industrie- und Handelskammern und der Handwerkskammern, liefern eine wichtige empirische Grundlage. Die Konsolidierung dieser Quellen in einer kontinuierlichen Längsschnittbeobachtung der mittelständischen Personalstrategien wäre eine wertvolle Voraussetzung für die strukturelle Bewertung der Anpassungsdynamik. Bis zu einer solchen Konsolidierung bleibt die Beurteilung auf einzelne Erhebungen, regional begrenzte Studien und branchenspezifische Befragungen angewiesen, deren methodische Vergleichbarkeit eingeschränkt ist. Eine kontinuierliche Beobachtung der mittelständischen Personalpraxis über die kommenden Jahre liefert die empirische Basis für eine sachgerechte industriepolitische Diskussion der strukturellen Anpassungserfordernisse.
