Bildung & Studium

Rückgang der dualen Ausbildung: Betriebliche Entscheidungslogiken im Wandel(A)

Die Zahl der Ausbildungsverhältnisse im deutschen dualen System ist über mehrere Jahre rückläufig, während gleichzeitig die Zahl unbesetzter Ausbildungsplätze in mehreren Branchen wächst. Die zugrunde liegenden betrieblichen Entscheidungslogiken verändern sich, die Verteilung der Ausbildungsbeteiligung zwischen Branchen, Betriebsgrößen und Regionen verschiebt sich, und die strukturellen Folgen für die mittelfristige Fachkräftesicherung gewinnen an industriepolitischer Schärfe.

12. Juni 2024

Das deutsche duale Ausbildungssystem genießt international einen außerordentlichen Ruf. Die Verzahnung von schulischer Theorievermittlung und betrieblicher Praxisphase, die Trägerschaft durch die Sozialpartner, die einheitliche Berufsbildregulierung über das Berufsbildungsgesetz und die Handwerksordnung sowie die Abschlussprüfungen durch die zuständigen Stellen formen eine Konstruktion, die in vielen vergleichbaren Volkswirtschaften als Referenzmodell betrachtet wird. Innerhalb Deutschlands hat diese Konstruktion in den vergangenen Jahren eine Phase langsamer, aber kontinuierlicher Erosion durchlaufen. Die Zahl der jährlich neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse liegt unterhalb der Niveaus früherer Jahrzehnte, der Anteil ausbildender Betriebe an der Gesamtzahl der Betriebe sinkt seit längerem, und die Verteilung der Ausbildungsbeteiligung zwischen Branchen und Betriebsgrößen verändert sich strukturell.

Die betriebliche Entscheidung über die Aufnahme oder Aufrechterhaltung von Ausbildungsverhältnissen folgt einer Kalkulation, deren Eingangsgrößen sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten verschoben haben. Auf der Kostenseite stehen die Ausbildungsvergütung, die Bereitstellung von Ausbildungspersonal, die Investitionen in Ausbildungsmittel, die Freistellung für Berufsschulzeiten und die anteiligen Verwaltungskosten der Ausbildungsbetreuung. Auf der Ertragsseite stehen die produktiven Leistungen der Auszubildenden während der Ausbildung, die Übernahme nach erfolgreichem Abschluss mit reduzierten Rekrutierungskosten, die langfristige Bindung qualifizierter Mitarbeiter und die strategische Sicherung des Fachkräftebestands. Die Verschiebung der relativen Gewichte dieser Größen über die Zeit bildet die Grundlage der betrieblichen Entscheidungsdynamik.

Mehrere Strukturfaktoren beeinflussen diese Kalkulation. Die akademische Bildungsexpansion hat den Bewerberkreis für Ausbildungen verschoben, weil ein wachsender Anteil der Schulabsolventen mit höheren Bildungsabschlüssen den Weg in die Hochschule wählt. Die demografische Verschiebung hat die absolute Zahl der Schulabsolventen reduziert, was den Bewerberkreis für eine Ausbildung in den meisten Regionen verkleinert. Die regionalen Disparitäten haben die Lehrstellenmärkte zwischen Ballungsräumen und ländlichen Räumen ausdifferenziert, was die Übereinstimmung von Bewerberprofilen und Ausbildungsangeboten erschwert. Die wachsende Bedeutung von schulischen Berufsausbildungen, von Berufsfachschulen, von Fachoberschulen und von Berufskollegs hat die institutionelle Alternative zur betrieblichen Ausbildung verbreitert.

Die Industrie- und Handelskammern beobachten in ihren Berichten eine markante Verschiebung der Ausbildungsbeteiligung zwischen Betriebsgrößen. Großunternehmen mit eigener Ausbildungswerkstatt, dauerhaft beschäftigten Ausbildungsleitungen und etabliertem Übernahmesystem halten ihre Ausbildungskapazitäten weitgehend stabil. Mittlere Unternehmen mit einer Belegschaft zwischen fünfzig und fünfhundert Beschäftigten zeigen ein heterogeneres Bild, in dem die Ausbildungsbeteiligung von der jeweiligen Personalstrategie, der Branchenzugehörigkeit und der regionalen Bewerberlage abhängt. Kleinbetriebe mit unter fünfzig Beschäftigten haben in den vergangenen Jahren am stärksten reduziert. Die Gründe liegen in der Schwierigkeit, geeignete Bewerber zu finden, in den Folgen der Aufhebung der Meisterpflicht in einzelnen Handwerksberufen, in der gestiegenen Komplexität der Ausbildungsdokumentation und in den wachsenden Anforderungen an die formale Eignung der Ausbildungsbetriebe.

Die Handwerkskammern berichten von einer parallelen Entwicklung. In den zulassungspflichtigen Handwerken der Anlage A bleibt die Ausbildungsbeteiligung auf einem stabileren Niveau, weil die Meisterpflicht eine implizite Verbindung zwischen Betriebsfortbestand und Nachwuchsförderung herstellt. In den zulassungsfreien Handwerken der Anlage B verläuft die Entwicklung uneinheitlicher, weil die Ausbildungsbeteiligung dort stärker von individuellen betrieblichen Entscheidungen abhängt. Eine besondere Entwicklung betrifft die Bauwirtschaft, in der trotz hoher Auftragslage und akuter Personalnachfrage die Ausbildungsbeteiligung in vielen Gewerken nicht im Tempo wächst, das die Nachfrageseite eigentlich erwarten ließe. Die Ursachen liegen in der Saisonarbeit, in der Vergaberealität der Bauwirtschaft und in der Verschiebung der Geschäftsmodelle vieler Bauunternehmen hin zu projektgebundenen Strukturen mit kürzeren Personalbindungen.

Die Bewerberseite zeigt eine eigene Dynamik. Die Zahl der gemeldeten unbesetzten Ausbildungsplätze und die Zahl der unversorgten Bewerber bewegen sich gleichzeitig, was statistisch als Matchingproblem beschrieben wird. Die Tiefenstruktur dieses Matchingproblems weist auf eine Reihe von Faktoren hin. Die regionale Mobilität der Bewerber bleibt begrenzt, weil die Wohnungslage in den Ballungsräumen für junge Auszubildende mit niedriger Ausbildungsvergütung schwer zugänglich ist. Die Berufsorientierung in den allgemeinbildenden Schulen folgt unterschiedlichen Schwerpunkten und vermittelt zwischen Schulabsolventen und Berufsfeldern in heterogener Tiefe. Die Wahrnehmung einzelner Berufsfelder in der gesellschaftlichen Bewertung wirkt auf die Berufswahl der Schulabsolventen, was die Bewerberzahlen in Pflegeberufen, im Bauhandwerk, in den Lebensmittelhandwerken und in Teilen der Logistik dauerhaft unter dem Personalbedarf hält.

Die Branchenheterogenität verdient eine genauere Betrachtung. In der Industrie folgt die Ausbildungsbeteiligung dem Konjunkturverlauf in einer Weise, die mit einer Verzögerung von etwa achtzehn bis vierundzwanzig Monaten auf veränderte Auftragslagen reagiert. Die Automobilindustrie hat in den vergangenen Jahren ihre Ausbildungsstrategien an die Transformation zu elektrifizierten Antrieben angepasst, was zu einer Verschiebung der Berufsbilder von der klassischen Kraftfahrzeugmechatronik hin zu kombinierten Profilen mit höheren Elektrotechnikanteilen geführt hat. In der chemischen Industrie bleibt die Ausbildungsbeteiligung stabil, weil die Tarifpartner über mehrjährige Vereinbarungen die Ausbildungsplatzzahlen verbindlich festlegen. In der Gastronomie und im Tourismus liegt die Ausbildungsbeteiligung deutlich unterhalb des Niveaus früherer Jahrzehnte, weil die Geschäftsmodelle der Branche zunehmend auf Aushilfskräfte und auf entsandte Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten angewiesen sind. Im Einzelhandel verläuft die Entwicklung zweigeteilt zwischen großen Filialunternehmen mit etablierten Ausbildungsstrukturen und kleineren Einzelhändlern, deren Ausbildungsbeteiligung kontinuierlich rückläufig ist.

Das rechtliche Rahmenwerk der dualen Ausbildung hat in den vergangenen Jahren mehrere Reformen durchlaufen. Die Mindestausbildungsvergütung im Berufsbildungsgesetz hat die Untergrenzen der Vergütung in den Berufen ohne tarifliche Bindung angehoben und damit eine Mindestattraktivität für Bewerber gesichert. Die Modernisierung einzelner Berufsbilder folgt einem regelmäßigen Verfahren unter Federführung des Bundesinstituts für Berufsbildung, das die Curricula an die Veränderungen der betrieblichen Praxis anpasst. Die Aufnahme digitaler Inhalte in die Ausbildungsordnungen erfolgt mit unterschiedlicher Geschwindigkeit über die Berufsfelder hinweg. In den industriellen Metallberufen hat die Integration der Industrie-4.0-Kompetenzen einen vergleichsweise weiten Implementierungsgrad erreicht. In den kaufmännischen Berufen folgt die Anpassung in einer Geschwindigkeit, die mit der Veränderung der betrieblichen Praxis nicht vollständig Schritt hält. Die Frage der zeitlichen Aktualisierung der Berufsbilder bildet damit eine eigene Strukturherausforderung für die Wirksamkeit der Ausbildung im Hinblick auf die spätere Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen.

Eine besondere Bedeutung kommt der Frage der internationalen Auszubildenden zu. Mit der Reform des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes wurden die rechtlichen Voraussetzungen für die Anwerbung internationaler Auszubildender erleichtert. Die praktische Umsetzung trifft auf erhebliche operative Herausforderungen. Die Auslandsvertretungen verarbeiten Visumanträge für Ausbildungszwecke in unterschiedlicher Geschwindigkeit, die sprachliche Vorbereitung der Bewerber auf das Ausbildungsniveau B1 oder B2 erfordert erhebliche Vorlaufzeiten, und die kulturelle Integration in den Ausbildungsbetrieb beansprucht eine betriebliche Begleitkapazität, über die viele Klein- und Kleinstunternehmen nicht verfügen. Die Anwerbung internationaler Auszubildender konzentriert sich daher derzeit auf mittlere und größere Betriebe sowie auf Pflegeeinrichtungen mit eigenen internationalen Personalstrukturen. Die Verbreitung auf die kleinen handwerklichen Ausbildungsbetriebe verlangt eine Trägerstruktur, deren institutionelle Verankerung in den meisten Bundesländern erst entsteht.

Die politische Reaktion auf den Rückgang der dualen Ausbildung umfasst mehrere Programmlinien. Die Allianz für Aus- und Weiterbildung als Vereinbarung zwischen Bund, Ländern, Sozialpartnern und der Bundesagentur für Arbeit setzt Schwerpunkte in der Berufsorientierung, in der Berufseinstiegsbegleitung und in der Förderung der Übergangsphase zwischen Schule und Ausbildung. Die Ausbildungsgarantie als Element des Aus- und Weiterbildungsgesetzes adressiert die Versorgung unversorgter Bewerber durch außerbetriebliche Ausbildungsangebote, deren Aufnahme in die etablierten Ausbildungsstrukturen mit Anlaufschwierigkeiten verbunden ist. Die assistierte Ausbildung und das Programm Berufseinstiegsbegleitung bilden ergänzende Bausteine zur Sicherung der Ausbildungsfähigkeit. Diese Instrumente entfalten ihre Wirkung in einem Geflecht mit den klassischen Strukturen der Berufsbildungsförderung.

Ein vergleichender Blick auf die schweizerische und österreichische Berufsbildungslandschaft macht die strukturellen Eigenheiten der deutschen Entwicklung sichtbar. Die Schweiz hält eine Ausbildungsbeteiligung von etwa zwei Dritteln eines Geburtsjahrgangs in der beruflichen Grundbildung aufrecht, was im internationalen Vergleich einen außergewöhnlichen Wert darstellt. Die zugrunde liegenden Faktoren – ein hohes gesellschaftliches Prestige der beruflichen Ausbildung, eine durchlässige Bildungsarchitektur mit Berufsmaturität als Anschlussweg zur Fachhochschule und eine ausgeprägte Verzahnung der Wirtschaftsverbände mit der Berufsbildung – haben in der deutschen Entwicklung in vergleichbarer Tiefe nie bestanden. Die österreichische Berufsausbildung folgt strukturell der deutschen Logik, verfügt aber über eine stärkere kommunale Verankerung der Ausbildungsplatzakquise. Beide Vergleichsfälle illustrieren, dass das deutsche System keinen unvermeidlichen Erosionspfad durchläuft, sondern dass die Erhaltung der Ausbildungsbeteiligung durch eine Kombination aus institutionellen, kulturellen und ökonomischen Faktoren getragen wird.

Aus industriestrategischer Perspektive ergibt sich aus dem beobachteten Rückgang der dualen Ausbildung eine doppelte Schlussfolgerung. Die Erosion der betrieblichen Ausbildungsbeteiligung erzeugt mittelfristig eine strukturelle Lücke in der Fachkräfteversorgung, deren Folgen sich in den fünf bis zehn Jahren nach dem Rückgang materialisieren und die durch internationale Anwerbung allein nicht geschlossen werden können. Die Tiefe dieser Lücke variiert zwischen Branchen, Regionen und Betriebsgrößen und folgt einer Verteilung, deren systematische Erfassung über die Bundesagentur für Arbeit, das Bundesinstitut für Berufsbildung und die zuständigen Stellen der Kammern in den kommenden Jahren weiter konsolidiert werden muss. Die strukturelle Antwort verlangt ein institutionelles Zusammenspiel zwischen Schulen, Kammern, Arbeitsverwaltung und Unternehmen, das in den meisten Bundesländern erst im Aufbau ist und dessen Trägerschaft eine eigenständige politische Aufgabe der kommenden Legislaturperioden bildet.

Die wissenschaftliche Begleitung der Entwicklung benötigt eine Längsschnittperspektive, die Ausbildungsangebote, Bewerberzahlen, Übergangsverläufe und Übernahmequoten in den ersten Beschäftigungsjahren über mehrere Berufsbildungsjahre hinweg verfolgt. Eine valide Bewertung der politischen Programme verlangt eine Trennung zwischen direkter Wirkung der Interventionen und der Hintergrundentwicklung der demografischen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Die Komplexität dieser Trennung gehört zu den methodischen Hauptproblemen der deutschen Berufsbildungsforschung und bestimmt die Verlässlichkeit der politischen Schlussfolgerungen, die in den kommenden Jahren aus den Beobachtungen gezogen werden. Die kontinuierliche Beobachtung dieser Strukturentwicklung über die nächste Dekade liefert die empirische Grundlage für die Bewertung, ob die duale Ausbildung als zentrale Säule der deutschen Fachkräftesicherung ihre historische Funktion behält oder in einer veränderten Rolle als ein Element neben weiteren Qualifizierungswegen weiterentwickelt wird.

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